Binnendeutsche Migration nach dem Studium

Laut einem im August 2013 erschienenen Handelsblatt-Artikel haben hierzulande bereits rund zwei Drittel der mittelständischen Unternehmen mit sich verstärkenden personellen Engpässen zu kämpfen, die dem Blatt zufolge zu jährlichen Umsatzeinbußen in Höhe von über 30 Milliarden Euro führen könnten. Abgesehen von der Bezugnahme zu den Effekten der gesellschaftlichen Alterung in Deutschland können daher für den weiteren Verlauf des Fachkräftediskurses – gerade im Sinne einer präventiven Herangehensweise – detaillierte Kenntnisse über die räumliche Verteilung zukünftiger Absolventen von entscheidender Bedeutung sein. Leitend ist hier die Frage, wer dem deutschen Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren wo und mit welcher Qualifikation zur Verfügung stehen wird.

Erkenntnisse der vorherigen Erhebung werden bestätigt
Analog zur vorangegangenen Erhebung der Studienreihe „Fachkraft 2020“ aus dem Wintersemester 2012/2013 wurden die teilnehmenden Hochschülerinnen und Hochschüler erneut gefragt, in welchem Bundesland man nach dem angestrebten akademischen Abschluss den beruflichen Einstieg anzugehen gedenke. Die aktuellen Ergebnisse bestätigen die Erkenntnislage der vorangegangenen Studie „Fachkraft 2020“: Die Untersuchung verdeutlicht erneut, dass die Ausprägung der Migration von Nachwuchskräften hierzulande von hoher regionaler Heterogenität bestimmt sein wird. Zudem bestätigt sich, dass in den kommenden Jahren nur wenige Regionen mit einem Wanderungsgewinn von Absolventen rechnen können, wohingegen sich die Mehrheit der Bundesländer auf einen zum Teil drastischen Verlust an Nachwuchspotenzial einzustellen hat.

Interssanterweise zeigte sich, dass einige Bundesländer von weiblichen und männlichen Studierenden beim beruflichen Einstieg in sehr unterschiedlichem Maße präferiert werden, wohingegen der geschlechtliche Aspekt in anderen Regionen kaum eine Rolle zu spielen scheint. In der Gesamtbetrachtung stehen die Zeichen innerhalb der Bundesrepublik deutlich auf Brain Drain.

Detaillierte Ergebnisse im Ländervergleich
Insgesamt zwölf Bundesländer haben laut den Angaben der befragten Studierenden mit mehr oder minder starken Einbußen zu rechnen, wobei sich das Ausmaß der Verluste von 8 Prozent in Nordrhein-Westfalen über 23 Prozent in Sachsen bis hin zu maximal 66 Prozent in Brandenburg erstreckt. Im Vergleich zur vorangegangenen Untersuchung mildert sich das brandenburgische Ergebnis zwar um 6 Prozentpunkte ab (vormals -72 %), jedoch bleibt es beim bundesweit schlechtesten Befragungsergebnis – knapp gefolgt von Sachsen-Anhalt, wo per Saldo ein Absolventen-Verlust von 65 Prozent antizipiert werden kann. Im Westen der Republik schneidet Rheinland-Pfalz mit einem Minus von 54 Prozent am schlechtesten ab.

Als Wanderungsgewinner treten dagegen erneut die Stadtstaaten Hamburg und Berlin in Erscheinung, flankiert durch Bayern und Baden-Württemberg, die beiden wirtschaftsstarken Flächenländer im Süden von Deutschland. Doch auch innerhalb dieser Gruppe offenbaren sich erhebliche Unterschiede. So fallen die Wanderungsgewinne in Bayern und Baden-Württemberg mit 23 bzw. 20 Prozent unbestritten komfortabel aus, vermögen prozentual jedoch nicht an Berlin heranzureichen, für das ein Plus von über 54 Prozent zu Buche steht. Auffällig ist in diesem Zusammenhang die unterschiedliche Rolle der Geschlechter. Während beide Bundesländer aus dem Süden bei männlichen Studierenden deutlich höher im Kurs zu stehen scheinen, ist die Situation in Berlin tendenziell umgekehrt. In Bayern und Baden-Württemberg liegen die potenziellen Wanderungsgewinne auf männlicher Seite bei 38 bzw. 28 Prozent – und damit mindestens doppelt so hoch wie auf weiblicher Seite (jeweils 14 %). In Berlin hingegen stehen einem Plus von 47 Prozent für männliche Studierende auf weiblicher Seite 62 Prozent gegenüber. Das diesbezüglich größte Missverhältnis liegt auf Bundesebene für Bremen vor, wo per Saldo 9 Prozent der weiblichen und 37 Prozent der männlichen Studierenden nach dem Studium abwandern wollen.

Hamburg ist der große Gewinner der Fachkräftemigration
Der mit Abstand größte Zuzug zeichnet sich hingegen für den Stadtstaat Hamburg ab, dem im Rahmen dieser Erhebung ein gewaltiges Plus von 216 Prozent zugesprochen werden kann. Um den Wert statistisch zu veranschaulichen: Der Wirtschaft der Hansestadt stehen perspektivisch neben 100 vor Ort ausgebildeten Akademikern zusätzlich über 200 zugewanderte zur Verfügung. Dies entspricht einer nochmaligen Steigerung gegenüber der vorangegangenen Untersuchung, bereits hier hatte die Hansestadt mit einem Saldo-Gewinn von 167 Prozent bundesweit deutlich in Front gelegen. Die nun festgestellte Steigerung zementiert de facto Hamburgs “Inseldasein” als herausragender Attraktor für junge Absolventen in Deutschland.

Der Blick auf die Gesamtsituation in Deutschland fällt hingegen kritisch aus. Denn er legt nahe, dass sich der Fachkräftemangel in Zukunft gerade dort zu einem immensen Problemkomplex entwickeln wird, wo sich negative demografische Rahmenbedingungen und die Abwanderung junger Absolventen gegenseitig verstärken.

Tabelle 1: Wanderungsbilanzen der Länder am erwerbsbiografischen Übergang von Hochschule zu Beruf

Bundesland Allgemein Männlich Weiblich MINT
Baden-Württemberg +20% +28% +14% +25%
Bayern +23% +38% +14% +41%
Berlin +54% +47% +62% +27%
Brandenburg -66% -71% -62% -71%
Bremen -21% -37% -9% -38%
Hamburg +216% +229% +209% +160%
Hessen -17% -18% -17% -20%
Mecklenburg-Vorpommern -40% -44% -37% -48%
Niedersachsen -19% -23% -16% -17%
Nordrhein-Westfalen -8% -10% -5% -12%
Rheinland-Pfalz -54% -49% -56% -51%
Saarland -32% -41% -24% 13%
Sachsen -23% -31% -16% -23%
Sachsen-Anhalt -65% -68% -62% -57%
Schleswig-Holstein -27% -28% -25% -23%
Thüringen -50% -60% -43% -63%
© STUDITEMPS GmbH / Maastricht University

 

Zur Situation im MINT-Bereich
Fokussiert man die Migrationsfrage auf den perspektivisch bedeutsamen Komplex der MINT-Absolventen, ergibt sich ein Gesamtbild, das den zuvor dargestellten Ergebnissen durchaus ähnlich ist. Erneut sind die “gebenden” Bundesländer deutlich in der Mehrzahl – wenn auch minimiert um das Saarland, dessen beträchtliche Abwanderungstendenz innerhalb der Gesamtheit der Absolventen (-32 %) im MINT-Bereich eine positive Wendung nimmt (+13 %). Ansonsten bleibt es bei den oben genannten Gewinnern Hamburg, Berlin, Bayern und Baden-Württemberg.

Dabei fällt auf, dass die Hansestadt ihren Status als bundesweit beliebteste Absolventen-Region auch im MINT-Bereich deutlich untermauert (+160 %), dabei aber nicht ganz an die Zustimmung innerhalb der Gesamtschaft der Absolventen heranreicht (+230 %). Ähnlich ist die Situation in Berlin, wo sich das Plus von zuvor 54 Prozent auf dem Feld der ökonomisch relevantesten Fachbereiche halbiert (27 %). Im Gegensatz dazu können Baden-Württemberg und insbesondere Bayern ihre Attraktivität in diesem Punkt ausbauen. Die ungleich größere Anziehungskraft scheint dabei Bayern auszuüben, dessen zu erwartendes Plus im MINT-Bereich nochmals erheblich oberhalb der Zustimmung liegt, die das Land innerhalb der Gesamtschaft der Absolventen genießt. Statistischer Ausdruck dessen ist eine Verdoppelung von zuvor 20 auf nunmehr 41 Prozent. In Baden-Württemberg fällt der Zugewinn dagegen deutlich moderater aus.

Unter den Ländern, die laut Datenlage Fachkräftepotenzial werden abgeben müssen, sticht abermals Brandenburg heraus, dessen Minus – isoliert auf den MINT-Bereich – bei 71 Prozent liegt. Es folgen mit Thüringen (- 63 %) und Sachsen-Anhalt (-57 %) zwei weitere Länder aus dem Osten der Republik, wohingegen auf westlicher Seite insbesondere Rheinland-Pfalz mit einem Minus von 51 Prozent wenig perspektivische Attraktivität auszustrahlen scheint.